Stille Örtchen

Meist sind öffentliche Toiletten Orte, die man lieber meidet. Dass sie sich auch zu stillen Örtchen mit kontemplativen Charme und architektonischem Glanz entwickeln lassen, zeigen drei Projekte in Norwegen, Portugal und den USA.

Die Toilette oder auch „stilles Örtchen“. In Amerika heißt sie sogar ganz offiziell „restroom“, Ruheraum. Das klingt vielversprechend. Gerade heute, in einer Zeit, die stets nach Momenten der Entspannung, Erholung, Ruhe sucht. Die Gestaltung von Bädern und Toilettenräumen im eigenen Zuhause – und auch in Hotels – nähert sich diesem Begriff des Ruheraums zusehends an. Das wird auch die bevorstehende Messe ISH in Frankfurt zeigen. Mit einer großen Vielfalt an Produkten, Materialien, Farben und modernster, smarter Wassertechnik lassen sich Bäder und Toilettenräume den individuellen Wünschen entsprechend maßschneidern zu Home Spas, zu sensorischen, energetisierenden Mini-Oasen.
Aber was ist mit den „public restrooms“, den öffentlichen Toiletten?

Es gibt zwar Unternehmen wie Sanifair & Co, die versuchen, mit funktionaler Hygiene hierzulande an Rastplätzen entlang der Autobahn zu punkten. Doch sonst tun öffentliche Toiletten ihre Dienste als übelriechende Stahlzellen-Zweckbauten und scheinen damit gestalterisch doch eher vernachlässigt. Wie öffentliche Toiletten durchaus das Potential zum stillen, schönen Örtchen, sogar zum architektonischen Highlight haben, zeigen drei Projekte in Norwegen, Portugal und den USA.

Spieglein, Spieglein an der Felswand
Andøya nennt sich eine beeindruckende Panoramaroute im Norden von Norwegen. Die Landschaft zwischen Strasse und Nordsee dort ist geprägt von schroffen Felsformationen namens Bukkekjerka.
Auf einer Landzunge an einem alten samischen Opferplatz hat das Osloer Architekturbüro Morfeus einen Rastplatz gestaltet, der einlädt, sich aus verschiedenen Perspektiven auf die Besonderheiten der Natur dort einzulassen. Dazu hat Morfeus einzelne Betonelemente kreiert: Parkplätze, eine frei stehende Bank, eine Lagerfeuerstelle am Meer, verschiedene Wege und Fußbrücken zu Leuchttürmen, sowie ein Toilettenhaus.
„Es ist eine spektakuläre Landschaft, in der das raue Meer auf steil abfallende Berge trifft“, erklärt Caroline Støvring and Cecilie Wille von Morfeus Arkitekter. „Wir wollten das gesamte Projekt ebenso skulptural, der Landschaft gleich, aussehen lassen.“

Eins mit der Natur
Der Besucher entdeckt die einzelnen Elemente des Rastplatzes, die sich perfekt in die Umgebung einfügen, allmählich. Mit ihren harten Kanten und Ecken sind sie genauso schroff geformt wie die Felsen des Bukkekjerka. Das Toilettenhaus sticht mit seiner futuristisch anmutenden Gestaltung besonders heraus: Einseitig verspiegelte Glasflächen reflektieren außen die beeindruckende Landschaft. Von innen sind es normale, transparente Glasscheiben, die dem Besucher den Blick auf die Umgebung komplett freigeben. Auch sonst besteht der Bau aus poliertem säurefestem Stahl – das ebenfalls die Landschaft wieder auf eine andere Weise integriert – oder wiedergibt. Caroline Støvring and Cecilie Wille: „Das Spiegeln lässt das Gebaute mit der Umgebung verschmelzen, gleichzeitig erlaubt es neue, verlagerte Erfahrungen.“

Wo ist die Toilette, bitte?
Von einer anderen Natur inspiriert ist die Farbgebung eines Toilettenhauses auf dem Friedhof im portugiesischen Ílhavo: Es besteht komplett aus dunkelgrün glasierten Keramikkacheln, wie sie traditionell in Portugal gefertigt werden. Deren Kolorit wurde in Anlehnung an die rasterartigen Grünflächen zwischen den Gräbern gewählt. Zwar gab es an derselben Stelle neben der Kapelle bereits ein Toilettenhaus, das jedoch wegen seiner Übergröße ausgerechnet den Blick vom Eingang auf die Kapelle – dem zentralen Ort auf einem Friedhof – versperrte.

Die beauftragten Architekten von M2.senos wollten das 85 Quadratmeter große Toilettenhaus minimal gestalten, es sollte zu einem möglichst neutralen Gebäude werden. Das haben sie auch radikal umgesetzt. Ihr gewählter Projekttitel „Where is the toilet, please?“ spricht Bände: Ganz ohne Fenster, Türen, Vordach oder Ähnliches sieht man dem Haus in keiner Weise an, dass sich darin sanitäre Anlagen befinden. Wie beim Projekt von Bukkekjerka sollten auch hier nicht die gebauten Elemente im Vordergrund stehen, sondern die Natur. Die zwei Eingänge sind tunnelartige Einlässe, die sich gegenüber liegen: einer, der die Mitarbeiter des Friedhofs von der Seite, die der Kapelle zugewandt ist, einlässt. Ein weiterer Eingang ist an der Nordseite angelegt für die Friedhofsbesucher.

Der Bau kommt ganz ohne Air Conditioning oder andere Haustechnologie aus: Denn durch die Nord-Süd-Ausrichtung entfeuchtet und erneuert der Wind auf natürliche Weise den gesamten Toilettenraum. Das Interieur bildet einen Gegensatz zur dunkelgrünen Außenfassade: Es ist ganz weiß gehalten, Licht fällt über Skylights ein, das strahlend hellen Komfort bringt. Waschbecken aus weißem Marmor verweisen auf die Objekte, die Grabsteine draußen auf dem Friedhof.

Visionäre Blumentöpfe
Auch die öffentlichen „restrooms“ im kalifornischen San Francisco sollen demnächst grün werden. Hier jedoch nicht die Fassade, sondern das Dach inklusive der Wassertechnik. San Francisco braucht neue öffentliche Toiletten und hatte dazu einen Wettbewerb ausgeschrieben, den das Architekturbüro Smithgroup für sein Konzept Amenitrees gewann: Das sind Toilettenhäuschen aus poliertem Stahl, die zu Mega-Blumentöpfen mutieren, weil ihre Dächer bepflanzt sind. Eine runde bauchig gewölbte Stahlstruktur ist die Basis des Entwurfs. Die polierte Oberfläche wird wieder zum Spiegel im öffentlichen Raum, der diesmal Urbanität reflektiert. Amenitrees versteht sich als modularer Bausatz, möglichst einfach aufzubauen und zu warten. Die Häuschen kommen mit ein oder zwei Toiletten, können um Bänke und Bäume, einen Verkaufskiosk und Dachgarten ergänzt werden.

Das Design bietet dieses Set an Optionen auch, um die Toilettenhausstruktur an die micro-klimatisch variierenden Bedingungen in San Francisco aber auch an das jeweilige Stadtviertel anzupassen. Dabei hat Smithgroup ein modernes Gartensystem mit Pflanzen und Bäumen der Region für die Dächer entwickelt, das Regenwasser sammelt, aufbereitet und wieder nutzbar macht für die Toilettenspülung wie für die Versorgung der Pflanzen bei Trockenheit.

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